Juggernaut - Formationen der planetarischen Moderne.
Ein multidisziplinärer Essay
Der gegenwärtige Ausgangslage
In gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Zeitdiagnosen werden zahlreiche Krisenphänomene identifiziert:
- Die ökologische Krise und das Anthropozän.
- Steigende soziale Ungleichheit.
- Die Krise der liberalen Demokratie und politische Polarisierung.
- Digitale Beschleunigung und Überwachungskapitalismus.
Die geopolitischen und geoökonomischen Verwerfungen hin zu einer planetarischen Polykrise zeigen sich ganz besonders an den zahlreichen militärischen Konflikten der Gegenwart. Deren vielschichtigen Ursachen und Konsequenzen können nur im Lichte von langfristigen Modernisierungsprozessen verstanden werden.
Dabei stelle ich fest, dass trotz des überwältigenden Wissensstandes bzgl. des anthropogenen Klimawandels und planetarischer Belastungsgrenzen sowie deren geophysikalischen und sozialen Folgen der 2015 in Paris eingeschlagene Weg internationaler Klimaabkommen zur Regulierung dieser Polykrise weitestgehend verlassen wurde.
Vornehmlich der digitale Kolonialismus als neueste Form des Wirtschaftens und der militärische, geopolitische und Carbon-industrielle Komplex prägen weithin die regressive Dynamik dieser globalen Entwicklungen:
- Anhaltender Anstieg der weltweiten Militärausgaben (SIPRI Map of World Military Expenditure 2025).
- Rückgang der weltweiten Demokratieindizes (Varieties of Democracy - Democracy Report 2026: "Unraveling The Democratic Era?").
- Anhaltender Rückgang von weltweiten Governance-Indikatoren (Worldwide Governance Indicators, 2025 Revision, World Bank und Bertelsmann Transformation Index 2026).
- Drohende Überschreitung von zentralen, planetarischen Klima-Kipppunkten (Potsdam Institut für Klimafolgenforschung - "Kippelemente – Großrisiken im Erdsystem").
Meine Vorgehensweise zur Erfassung der Polykrise
In Anlehnung an Karl Marx (1818-1883) und Anthony Giddens (*1938) ziehe ich in meinem Publikationsprojekt die Metapher des Juggernauts heran, um die planetarische Wucht der gegenwärtigen Veränderungen im Sinne einer umfassenden materiellen Stoffwechselpolitik fassbar zu machen.
Die Metapher des Juggernauts fängt dabei das spezifische Lebensgefühl der Gegenwart ein:
Wir sitzen auf einem Gefährt von unvorstellbarer Kraft, das mit rasender Geschwindigkeit fährt, dessen Bremsen aber versagen und dessen Steuerkurs wir kaum noch kontrollieren können.
Um dieses subjektive Gefühl des Steuerungsverlustes begreifbar zu machen und seine strukturellen Ursachen zu identifizieren, wende ich eine analytisch differenzierte und komplexe Herangehensweise an. Dies dient mir dazu, die blinden Flecken und Exklusionseffekte der voll entfalteten Dynamik des Juggernauts einer planetarischen Moderne zu kennzeichnen.
Aus einer sozialwissenschaftlichen Modernisierungssicht bedeutet die Einnahme einer planetarischen Perspektive vor allem einen radikalen Bruch mit den Grundannahmen der klassischen Moderne und den Übergang zu einer neuen Form der Reflexivität. Es geht darum, die Menschheit nicht mehr allein als soziales Subjekt, sondern als geologische Kraft innerhalb des Erdsystems zu begreifen
Ich stelle diesen grundlegenden Perspektivwechsel einerseits globalgeschichtlich in den Kontext des "Aufstiegs der Anderen", d.h. der neuen Mächte des Globalen Südens jenseits der westlichen Hegemonie. Andererseits stelle ich die vielschichtigen Dilemmata von Nachhaltigkeitspolitik in einer multipolaren Welt dar, um ein umfassendes und realistisches Bild zu zeichnen.
Dazu berücksichtige ich empirisch die vielen inhärenten Problemlagen sowie externen Kontestationen des liberalen Institutionalismus. Denn die internationale liberale Ordnung bleibt semantisch wie organisatorisch das zentrale Differential globaler Ordnungs- und Strukturierungsprozesse. Sie wird aber bereits von zahlreichen nicht-westlichen Strukturierungsprozessen überwölbt und verdrängt. Allem voran durch das Hegemoniestreben Chinas in Ostasien, welches bereits jetzt den Weg für eine fragmentierte, multipolare Weltordnung ebnet.
Ausblick auf realistische Grundlagen einer nachhaltigen Verantwortungsethik
Die zunehmende Apathie in der Gesellschaft gegenüber Nachhaltigkeit und Umweltschutz und der grassierende autoritäre Zynismus gegenüber der rücksichtlosen Nutzung unserer planetarischen Ressourcen erzeugen in mir ein klares "Trotzdem!":
Komplexe Zeiten benötigen klar aufbereitete und vielschichtig verwobene Antworten, um eine ethisch gehaltvolle Orientierung für diejenigen zu bieten, die sich nicht einfach von politisierten Affekten oder von polarisierenden Ideologien leiten lassen wollen.
Deshalb leite ich in meiner Studie abschließend aus realistischer Perspektive die ethische Begründetheit einer nachhaltigen Gesellschaftsordnung her, halte die immense Relevanz einer zukunftsorientierten Verantwortungsethik hoch und entwickle diese anhand pragmatisch ausgerichteter Handlungsempfehlungen umfangreich weiter.

